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Vergessen Sie Zeitmanagement!

Haben Sie schon mal ein Zeitmanagementtraining gemacht? War es erfolgreich? Wenn ja, dann lesen Sie einfach nicht weiter und legen Sie die eingesparte Zeit auf Ihr Zeitsparkonto. Wenn nein, dann interessiert Sie vielleicht, dass Sie vermutlich zu einer veritablen Mehrheit gehören, bei denen Zeitmanagement nicht besonders effektiv ist.

Angebote zum Thema Zeitmanagement gibt es in großindustriellem Ausmaß: alleine von Seiwerts “1×1 des Zeitmangements” und Coveys “Der Weg zum Wesentlichen” wurden zig Millionen Exemplare verkauft, ebenso viele Nullen dürfte das Gesamtbudget aufweisen, das Unternehmen ausgeben, um Ihre Mitarbeiterinnen im effektiven Umgang mit der Zeit zu stehlen.

Die Säulen des Zeitmanagement

Im Zeitmanagement-Training werden Lebensrollen definiert, strategische Schlüsselaufgaben identifiziert, smarte Ziele formuliert, die Woche wird nach Wichtigkeit statt Dringlichkeit geplant, und Zeitmanagement-Techniken takten und puffern den Tag und als letztes Trainingsziel wird Spaß bei der Arbeit und Freizeit verordnet.

Studien belegen keine oder mässige Wirksamkeit

Studien, die sich damit auseinandersetzen, ob und wie Zeitmanagement-Training überhaupt wirkt, gibt es aber nur ganz wenige. Eine davon stammt von Stephan Klein (Klein, König, Kleinmann 2003), der an der Uni Marburg ein Zeitmanagementtraining mit einem Selbstregulationstraining verglich. Untersucht wurde, ob und wie sich Selbstmanagement, berufliche Selbstwirksamkeit und Zufriedenheit der Teilnehmerinnen vor, direkt nach dem Training und 3 Monate später entwickelte und wie Erreichung der Trainingsziele und die Zufriedenheit mit dem Training angegeben wurde. Die Zufriedenheit mit beiden Trainings war hoch, eine Verbesserung der oben genannten Parameter für die Teilnehmer am Zeitmanagment konnte jedoch nicht festgestellt werden, auch gelang es den Teilnehmerinnen nicht, die Trainingsziele in signifikantem Maß in ihren Alltag zu integrieren. (Besser schnitt hier tatsächlich das Selbstregulationstraining ab).

Therese Macan verglich 2001 Selbsteinschätzungen von Teilnehmern eines Zeitmanagementtraining mit dem von Personen, die kein solches Training durchgeführt hatten. Die Teilnehmer mit Training berichteten zwar, dass sie das Gefühl hätten, mehr Kontrolle über ihre Zeit zu haben, auch, dass sie weniger arbeitsbezogenen Stress und körperliche Stresssymptome empfänden. Allerdings wendeten auch sie die vermittelten Zeitmanagementtechniken, wie Aufgabenplanung oder Bewertung der Wichtigkeit nicht öfter als vorher an, so dass Macan vermutet, dass die Teilnehmer vor allem vom Austausch mit ähnlich gestressten Kollegen profitierten, im Sinne von geteiltes Leid ist halbes Leid. Weiter vermutet sie, dass der Ansatz des Zeitmanagement auch nur bei einem Teil der an Zeitnot Leidenden den Kern der Ursache trifft.

Sich selbst besser kennen kann gegen Zeitnot helfen

Ich gebe ja grundsätzlich einmal Mahatma Ghandi Recht, der sagte: “Es gibt wichtigeres im Leben, als beständig dessen Geschwindigkeit zu erhöhen.” Abgesehen davon stellt sich aber trotzdem die Frage, wie man an subjektive Zeitnot, an eine als gestört empfundenen “Life-Balance”, oder an chronisches Zeitchaos und Stress herangehen könnte.

Ein interessanter Ansatz findet sich bei Alexandra Strehlau, die in dem Buch “Work-Life-Balance und Selbststeuerungskompetenzen” ihre Forschungsarbeit veröffentlicht hat. Ihre Ergebnisse weisen darauf hin, dass es nicht immer um das Aneignen von Fähigkeiten und Techniken für das Zeitmanagement geht, sondern vielmehr um das Erkennen und Umsetzen individueller Bedürfnisse.

Grob sieht sie zwei unterscheidbare Ursachen für eine gestörte “Life-Balance”: eine Person setzt sich Ziele, die sie nicht ihren wesentlichen (im Selbst gespeicherten) Bedürfnissen abgleicht. Oder: eine Person spürt ihre Ziele zwar, schafft es jedoch nicht, diese im Alltag auszuleben. Im ersten Fall wäre der Weg, die Kompetenz des Selbstgespürs zu entwickeln (auf Stimmigkeit achten), im zweiten herauszufinden, wie man Schritt für Schritt  und auch im Kleinen – Bedürfnisse auch im Alltag erfüllen kann (wenn man sich den großen Ausstieg gerade noch nicht zutraut).

Meine persönliche Einschätzung: Ein Zeitmanagementtraining pro Leben reicht (vielleicht auch nur mal eines der vielen Bücher dazu gelesen). Picken Sie sich die zwei, drei Dinge raus, die Ihnen sympathisch und nützlich scheinen, und wenn Sie die dann verinnerlicht und automatisiert haben, vergessen Sie Zeitmanagement wieder. Und wenn es gar nicht gewirkt hat, vergessen sie es auch und freuen sich erstens, dass Sie sich in zahlreicher Gesellschaft befinden und zweitens auf die möglicherweise viel spannendere Aufgabe, herauszufinden, was sie selbst ganz eigentlich und im tiefsten Inneren von sich und ihrem Leben wollen.

Literatur:

Klein, S., König, C. Kleinmann, M. (2003) Sind Selbstmanagent-Trainings effektiv? In Zeitschrift für Personalpsychologie, 2(4), S. 157-168.

Hoff Macan, T. (2001): Time Managment Training: Effect on Time Behaviors, Attitudes, and Job Performance. In The Journal of Psychology 130(3), S.229-236.

Strehlau, A. (2008): Life Balance und Selbststeuerungskompetenzen. vdm Verlag Dr. Müller. Saarbrücken.

Ein Kommentar zu “Vergessen Sie Zeitmanagement!”

  1. Linachen sagt:

    Da haben Sie ja geballtes Coaching-Wissen in Ihrem Blog zusammengetragen! Vielen Dank auch für diesen Artikel! Diese Sichtweise auf das hochgelobte Zeitmanagement finde ich sehr interessant. Ich denke, wenn jemand für sich ein oder zwei Techniken zum Zeitmanagement findet, die zu ihm passen, ist das eine sehr große Unterstützung. Planlos Bücher, Seminare o.ä. zu diesem Thema zu konsumieren ist aber definitiv nicht hilfreich.
    Mit freundlichen Grüßen!

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